v.li.: K. Wenzel (BLLV), P. Schmid (AfB), A. König (UB LA), M. Güll (MdL), T. Wingenroth (IGS), H. Lohmeyer (AfB)
Erstes Landshuter Bildungsforum der SPD mit vielen namhaften Referenten.
Essenbach. Nachdem die Bayern-SPD auf ihrem kleinen Parteitag in Bayreuth unter dem Motto „Keiner darf verloren gehen“ ein modernes Schulkonzept entwickelt hatte, fand in der Eskara in Essenbach das erste Landshuter SPD-Bildungsforum statt.
Unter dem durchaus provokanten Titel „Neue Schulen braucht das Land“ hatte die Arbeitgemeinschaft für Bildung im Unterbezirk Landshut namhafte Referenten geladen, die den Zuhörern Expertenwissen vermitteln sollten. Aufgrund der großen Hitze und des Samstagvormittags blieb der Zuhörerkreis trotz des gerade in Essenbach drängenden Themas auf einen überschaubaren, aber sehr interessierten Kreis über die Parteigrenzen hinweg beschränkt.
Nach einer kurzen Einführung durch den Moderator Peter Schmid brachte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes BLLV die Sorgen aller Beteiligten auf den Punkt.
Der Bildungsauftrag der Schulen sei zum reinen „Sortierauftrag“ geworden, bemängelte er kritisch. Emotionale, soziale, kognitive Erziehung mit Werten und Moral sei in den Hintergrund gedrängt von einem Gedanken, dem eigenen Kind eine möglichst hohe Schulbildung zukommen zu lassen. Auch wenn Bayern in diversen PISA-Studien an ersten Stellen stünde, müsse man wissen, daß diese Studie nur reines Wissen aus dem Kurzzeitgedächtnis abfrage. Ganzheitliche Bildung sei hier nicht gefragt.
„Ein Schulsystem als bewährt zu bezeichnen, das jedes Jahr bayernweit 7000-8000 Jugendliche ohne Abschluß entließe, entbehre nicht einer gehörigen Portion Sarkasmus oder Realitätsferne“, sagte Wenzel. Wichtig sei es, noch vor der Schulzeit mit gezielter Förderung zu beginnen.
Die Politik müsse dafür sorgen, daß in den ersten drei Jahren wichtige Fundamente gelegt werden könnten. Der Personalschlüssel in frühkindlichen Einrichtungen sei viel zu niedrig, eine erwachsene Erzieherin könne sich niemals adäquat um zwölf Kinder kümmern. Die Verteilung der Kinder nach der vierten Klasse bezeichnete Wenzel als „unmenschlich“.
Systemwechsel
Martin Güll, Mitglied des Landtags und dort im Bildungsausschuss, stellte das Schulkonzept der Bayern-SPD vor. Das herrschende System sei zu einseitig auf Leistungsdruck und frühe Auslese ausgerichtet. Seiner Meinung nach sei Bayern in einer bildungpolitische Schieflage gekommen.
Ein Facharbeiterkind habe bei gleicher Lesekompetenz eine sechseinhalb Mal geringere Chance, das Gymnasium zu besuchen als ein Akademikerkind. In der Konsequenz heiße dies für die SPD einen Systemwechsel mit einem anderen Bildungsverständnis und individueller Förderung. Bei Gemeinschaftsschulen sei zu beachten, dass Schulformen, die kein gymnasiales Angebot unter ihrem Dach zu bieten hätten, keine Akzeptanz bei den Eltern fänden. Ideal sei eine Standardschulform mit den Klassenstufen eins bis zehn und einer angegliederten Möglichkeit einer zwei- bis dreijährigen Oberstufe.
Renommierte Schule
Thomas Wingenroth-Franke, Schulleiter an der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel, berichtete von seinen Erfahrungen. So sei unter anderem der Deutsche Schulpreis an seine Schule vergeben worden, alle Abschlüsse, inklusive Abitur, seien im Durchschnitt besser als im parallelen dreigliedrigen Schulsystem von Nordrhein-Westfalen. Auch Kinder mit Behinderungen seien in seiner Schule integriert. „Vielfalt ist unsere Chance“, so sein Leitsatz.
Aufgrund der mittlerweile auf dem Kopf stehenden Alterspyramide verstehe er die aktuelle Bildungspolitik überhaupt nicht mehr. Jeder Schüler müsse ernst genommen und nach besten Möglichkeiten gefördert werden. Längeres gemeinsames Lernen sei hier die einzig mögliche Denkweise. Wingenroth-Franke stellte seine Schule ausführlich vor, wobei beispielsweise die Doppelbesetzung in den GU-Klassen mit kleinerer Klassengröße, die durchgängien Klassenleitungsmodelle von der fünten bis zehnten Jahrgangsstufe und vieles mehr, was sich seit 30 Jahren in der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel bestens bewährt hat, manche sehnsuchtsvolle Blicke und Seufzer bei den Lehrern unter den Zuhörern hervorriefen. Den vielen Fragen stand der Referent kompetent gegenüber, so dass die Anwesenden des ersten Bildungsforums mit vielen Anregungen und genügend Diskussionsstoff aus dieser Veranstaltung gingen.
(Quelle: Landshuter Zeitung v. Do. 8.7.2010 - Gudrun Schraml)