Pressemitteilung der SPD-Landtagsfraktion vom 09.09.2010
Bildungsexperte Pfaffmann: Schuljahr voll ungelöster Probleme
Eklatanter Lehrermangel im neuen Schuljahr 2010/2011 - Immer noch viel zu große Schulklassen - Bildung als Chance zur Integration
Der SPD-Bildungsexperte Hans-Ulrich Pfaffmann hat ein bildungspolitisches Papier der SPD-Landtagsfraktion vorgestellt, in dem der schwarz-gelben Staatsregierung vor allem Mängel bei der personellen Ausstattung der Schulen vorgeworfen werden. „Auch in diesem Schuljahr wird es keine kleineren Klassen geben, der Ausbau der Ganztagsschulen wird nicht ausreichend vorangetrieben und es fehlen an allen Ecken und Enden Lehrer", wirft Pfaffmann der Staatsregierung vor. Sie habe sämtliche Versprechen gebrochen und versuche den eklatanten Lehrermangel dilettantisch zu verschleiern. So werden allein an den Gymnasien 1200 Planstellen für fertige Lehrer durch Referendarinnen und Referendare ersetzt und weitere 1200 Lehrer-Planstellen werden mit Aushilfskräften, die zum Großteil nicht einmal eine Lehramtsbefähigung besitzen, besetzt.
Um den Lehrermangel zu überspielen werden verstärkt Kombiklassen geschaffen. "Dadurch spart sich Kultusminister Spaenle pro Kombiklasse eine Lehrkraft; eine Kombiklasse entspricht nicht unseren Vorstellungen von individueller Betreuung der Schülerinnen und Schüler", stellt der Münchner Abgeordnete klar.
Ein weiteres Symptom des akuten Lehrermangels sind übervolle Klassen. So wuchs der Anteil der Schulklassen mit über 30 Schüler/innen allein an den bayerischen Gymnasien letztes Schuljahr auf 28,1 Prozent (im Vorjahr 17,5 Prozent). „Das ist eine bedenkliche Entwicklung, die bereits seit Jahren erkennbar ist. Nur die Staatsregierung will das nicht wahrhaben", moniert Pfaffmann.
In der aktuellen Integrationsdebatte sieht der SPD-Bildungsexperte die Schulen und Kitas in der Pflicht. „Wir brauchen eine ausreichende Qualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher, um bereits in Kindertageseinrichtungen eventuelle Sprachdefizite beheben zu können", fordert der SPD-Bildungsexperte. Zur Unterstützung der Erzieher/innen sei aber auch der Einsatz von Lehrer/innen mit Fremdsprachkenntnissen in den Kitas erforderlich.
Die Vorlage zur Pressekonferenz von Hans-Ulrich Pfaffmann:
Schuljahr der Mangelverwaltung: Versprochen - Gebrochen, CSU/FDP als Koalition der Lehrereinsparungen
Neben den bildungspolitischen Herausforderungen wie der Bewältigung des doppelten Abiturlehrgangs, der Bewältigung des demographischen Wandels und der Bewältigung der Nachteile bei der Einführung der Mittelschule werden zwei große bildungspolitische Herausforderungen das Schuljahr 2010/2011 bestimmen: der Lehrermangel und die Integration.
Der Lehrermangel
Die Versprechungen von CSU und FDP erweisen sich immer mehr als Schall und Rauch. Auch das Versprechen, die sogenannte „demographische Rendite" im Schulsystem zu belassen, hat keine Gültigkeit. Auch im kommenden Jahr wird es keine kleineren Klassen geben, der Ausbau von Ganztagsschulen wird nicht mit der notwendigen Zuschaltung von mehr Lehrer/innen begleitet, die Entlastung der Schuldirektoren/innen bleibt unberücksichtigt, weiterhin wird Verwaltungspersonal an allen Schularten fehlen.
Im Schuljahr 2010/2911 scheiden 3780 Lehrer und Lehrerinnen aufgrund von Ruhestandsversetzungen und Altersteilzeit aus dem Schuldienst (Volksschulen, Realschulen, Gymnasien) aus, lediglich 2720 werden neu eingestellt. Damit ist nachgewiesen, dass nicht in kleinere Klassen und in den Ausbau der Ganztagsschulen investiert wird, sondern an den Schulen gespart wird.
Die Vertuschung des Lehrermangels:
1. Vertuscht werden die Stelleneinsparungen durch den verstärkten Einsatz von Referendaren und Referendarinnen. Damit wird auch die Attraktivität des Lehrerberufs nicht verbessert. Allein an den Gymnasien ersetzen die Referendare und Referendarinnen 1200 Planstellen für fertige Lehrer/innen.
2. Vertuscht werden die Stelleneinsparungen durch den verstärkten Einsatz von Aushilfskräften an Schulen. Die CSU/FDP-Regierung deckt durch die Beschäftigung von 2700 Aushilfskräften - davon 2100 ohne Lehramtsbefähigung - nur an den Gymnasien weitere 1200 Planstellen für voll ausgebildete Lehrer/innen ab.
3. Vertuscht werden die Stelleneinsparungen durch Ausbau der Kombiklassen. Der Ausbau von Kombiklassen aus finanzpolitischen Gründen geht auch im neuen Schuljahr weiter. Im Schuljahr 2009/2010 wurden 509 neue Kombiklassen geschaffen, das ist eine Zunahme in einem Jahr um 56 Prozent. Damit wird Kultusminister Spaenle immer mehr zum Kombiklassen-Ausbauminister. Es kann davon ausgegangen werden, dass pro Kombiklasse mindestens eine Lehrkraft eingespart wird. Damit wurden im Schuljahr 2009/2010 insgesamt 509 Lehrer/innen eingespart.
4. Vertuscht werden die Stelleneinsparungen durch Inkaufnahme übervoller Schulklassen. Entgegen den Versprechungen der CSU/FDP- Regierungskoalition, die Schulklassen zu verkleinern, steigen die Klassengrößen an. So wuchs der Anteil der Schulklassen mit über 30 Schüler/innen an Gymnasien im Schuljahr 2009/2010 auf 28,1 Prozent (2008/2009: 17,5 Prozent) und an Realschulen auf 32,7 Prozent (2008/2009: 28,1 Prozent). Auch im kommenden Schuljahr ist mit einem Anstieg der Klassengrößen vor allem an Gymnasien und Realschulen zu rechnen. Damit werden Tausende von Planstellen für Lehrer und Lehrerinnen eingespart.
5. Vertuscht werden die Stelleneinsparungen durch Inkaufnahme des steigenden Unterrichtsausfalls. Insgesamt fallen 1,5 Millionen Unterrichtsstunden ersatzlos aus. Unter Zugrundelegung der allgemeinen Lehrerbedarfsberechnung ergibt sich eine Einsparung von rund 1400 Planstellen für Lehrer und Lehrerinnen bis zur Mittleren Reife.
Forderungen der SPD für das Schuljahr 2010/2011:
Das Schuljahr 2010/2011 wird zum bildungspolitischen „Jahr für mehr Lehrer und Lehrerinnen".
- Im kommenden Haushalt werden die Voraussetzungen geschaffen, dass bis zum Ende der Legislaturperiode alle Lehrer und alle Lehrerinnen, die in den Ruhestand gehen oder eine Altersteilzeit beginnen, voll umfänglich ersetzt werden. Darüber hinaus werden 5000 Planstellen für Lehrer/innen neu geschaffen.
- Die CSU/FDP-Koalition verzichtet auf die geplante Abgabe von fast 500 Planstellen aus dem Stellenplan der Gymnasien an die Universitäten.
- Alle Junglehrer und Junglehrerinnen mit bestandenem Examen werden eingestellt.
- Das politische Ziel, die Klassengrößen auf 25 für weiterführende Schulen und auf 20 an Grundschulen zu begrenzen, wird festgeschrieben.
- Das Kultusministerium gibt eine Unterrichtsgarantie ab, die mobilen Reserven werden entsprechend aufgestockt.
- Auf die Einführung von Kombiklassen aus finanzpolitischen Gründen wird verzichtet.
- Schuldirektoren und Schuldirektorinnen werden durch mehr Anrechnungsstunden und mehr Verwaltungspersonal deutlich entlastet.
Die individuelle Förderung und die Integration als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung Bayerns
Die aktuelle Diskussion zeigt erneut auf: Deutschland und insbesondere Bayern haben eine viel zu geringe Abiturientenquote aufzuweisen. Hinzu kommt, dass ein dramatischer Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zu erwarten ist. Die Voraussetzung zu einer Verbesserung ist die individuelle Förderung bereits in der Schule - und zwar aller Schüler und Schülerinnen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Förderung und Integration der Kinder mit Migrationshintergrund. Eine optimale Schul- und Bildungspolitik ist die Grundvoraussetzung für eine konkurrenzfähige wirtschaftliche Entwicklung.
Die CSU/FDP-Regierung in Bayern hat in den vergangenen Jahren diese Entwicklung verschlafen oder aus ideologischen Gründen ignoriert. Es ist davon auszugehen, dass dies auch so bleibt. Die CSU/FDP-Regierung in Bayern gibt auf diese entscheidende Zukunftsfrage keine oder die falschen Antworten.
1. Durch die Aufteilung der Kinder im 10. Lebensjahr in verschiedene Schularten werden Bildungschancen verschleudert. Der Hauptschulabschluss reicht in vielen Fällen nicht mehr aus, um den Anforderungen im Berufsleben gerecht zu werden. Somit werden Bildungsressourcen unnötig und aus ideologischen Gründen aufgegeben.
2. Bildung wird immer mehr privatisiert und stellt immer mehr Eltern vor große finanzielle Probleme. Kinder aus einkommensschwächeren Familien haben weniger Bildungschancen. Schulkosten, Nachhilfekosten und Studiengebühren verhindern oftmals, dass gescheite Kinder einen höheren Bildungsabschluss machen können. Auch hier werden Bildungschancen unnötig verschleudert.
3. Kinder aus Migrationsfamilien haben auch aufgrund von Sprachproblemen geringere Chancen auf eine gute Qualifizierung. Die CSU/FDP-Regierung in Bayern vernachlässigt die Sprachqualifizierung gerade für Schüler und Schülerinnen erheblich. Zu große Klassen und die jahrelange Weigerung, den Spracherwerb der deutschen Sprache bereits in allen Kindertageseinrichtungen ausreichend zu fördern, sind die Gründe dafür. Auch hier werden die Bildungschancen junger Menschen sträflich verschleudert.
4. Seit Jahren wird der deutliche Ausbau von Schulsozialarbeit und Schulpsychologie an allen Schularten von der SPD gefordert. Leider bisher ohne Erfolg. Durch vernünftige Beratung und Betreuung in Problemlagen könnten auf dem Weg zu einer guten Qualifizierung gerade Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund besser unterstützt werden. Auch im kommenden Jahr ist allerdings der Ausbau von Schulpsychologie und Sozialarbeit nicht erkennbar.
Forderungen der SPD für das Schuljahr 2010/2011:
Das Schuljahr 2010/2011 wird zum bildungspolitischen „Jahr der Integration"
- An allen Kindertagesstätten wird die Förderung der deutschen Sprache einerseits durch die Qualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher und andererseits durch den Einsatz von Lehrerinnen und Lehrer eingeführt. Die Kindertageseinrichtungen werden als Bildungseinrichtungen kostenfrei gestellt. Die Teilnahme an der Qualifizierung der Sprachkompetenzen wird als vorschulische Einrichtung verpflichtender Bestandteil des Erziehungsplanes. Dafür wird ausreichend qualifiziertes, pädagogisches Personal vorgehalten.
- In den Schulen und Kindertagesstätten wird mehr qualifiziertes Personal aus den Herkunftsländern ausländischer Kinder und Schüler/innen eingestellt. An allen Kindertagesstätten und Schulen werden mehr Konzepte der interkulturellen Pädagogik entwickelt und umgesetzt.
- Die Schulen erhalten zusätzliches pädagogisches Personal für die bedarfsgerechte Einrichtung von Sprachlernklassen in deutscher Sprache an allen Schularten. Diese Sprachlernklassen werden verpflichtend und jahrgangsübergreifend organisiert. Es wird die Möglichkeit geschaffen, in längeren Zeitintervallen betroffene Schüler/innen für den Erwerb der deutschen Sprache von anderen Unterrichtsfächern zu befreien.
- Bereits in der Grundschule wird der Sprachunterricht vorrangig in Deutsch ausgebaut.
- Es werden Gemeinschaftsschulen eingeführt, in denen die individuelle Förderung aller Schüler und Schülerinnen im Mittelpunkt steht. Dabei wird das Lernen fächerübergreifend gestaltet. Der Erwerb von Lebens- und Problemlösungskompetenzen wird als Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit aufgenommen. Die Gemeinschaftsschule bietet alle Schulabschlüsse am Ende der Pflichtschulzeit.
- Die Lernmittelfreiheit wird gesetzlich weiter gefasst und verankert. So werden alle von der Schule als notwendig definierten Lern- und Lehrmittel inklusive der Kopierkosten sowie die Kosten für verpflichtende Schulveranstaltungen kostenfrei gestellt.